Der Feind in meinem Bett

Das Zusammenleben kann so schön sein ...
Als Sie sich damals gemeinsam vorstellten, wie Ihr Zusammenleben aussehen würde, war alles noch so harmonisch: Sie stehen morgens zur gleichen Zeit auf und wechseln sich mit dem Frühstück machen ganz demokratisch ab. Vielleicht bringen Sie Ihrem Schatz das Frühstück am Wochenende sogar mal ans Bett. Damit ist das Morgenritual aber noch nicht beendet. Gemeinsam Duschen und Zähneputzen macht auch viel mehr Spaß als allein. Nachdem Sie sich dann an der U-Bahn schweren Herzens getrennt haben und jeder sich auf den Weg zur Arbeit gemacht hat, beginnen die schrecklich langen Stunden ohne den geliebten Partner und neuen Mitbewohner. Ab und zu schreiben Sie eine SMS und freuen sich auf die süße Antwort. Nach quälenden neun Stunden bei der Arbeit ohne Ihren geliebten Partner freuen Sie sich schon auf zu Hause. Auf dem Heimweg denken Sie darüber nach, wie schön es sich anhört „unser Zuhause“ zu sagen! Das wird prompt zu Ihrem neuen Lieblingswort befördert. Zufällig kommt Ihr Partner genau im gleichen Moment vor der Wohnungstür an wie Sie. Das muss Gedankenübertragung sein, Sie sind sich sicher! Nachdem Sie zwei bis drei Minuten knutschend vor der Eingangstür verbracht haben, überlegen Sie, was Sie heute Abend gemeinsam kochen wollen. Diese Überlegung wird durch einen kurzen Zwischenstopp im Schlafzimmer unterbrochen und anschließend unter der Dusche beendet. Ihr Abendessen ist natürlich fantastisch gelungen, was Ihre Zufriedenheit noch ein wenig steigert. Während des Fußballspiels seiner Lieblingsmannschaft chatten Sie mit einer Freundin und schauen ab und zu interessiert zum Fernseher. Über jedes Tor freuen Sie sich mindestens genauso wie Ihr Freund. Nach dem Spiel sehen Sie sich noch gemeinsam den Krimi an und während der ganz spannenden Stellen kuscheln Sie sich dicht an ihn heran. Das Wort „gemeinsam“ wird spontan zum Wort des Jahres erklärt. Im Bett lassen Sie den Tag noch kurz Revue passieren und schlafen dann eng aneinander gekuschelt ein.
Soviel zur Theorie. In der Praxis gibt es allerdings ein paar kleine Abweichungen:
Genervt wachen Sie auf, noch bevor der Wecker klingelt, weil Sie ohne Ihre wärmende Bettdecke einfach nicht schlafen können. Die befindet sich nämlich komplett auf der Seite Ihres neuen Mitbewohners, früher haben Sie ihn noch „Freund“ genannt. Nachdem Sie sich übermüdet aus dem Bett gequält haben, gehen Sie duschen und bekommen vom Wasser einen mächtigen Kälteschock. Nun sind Sie wenigstens wach. Jetzt ärgern Sie sich aber darüber, dass Sie immer viel früher aufstehen müssen als Ihr Freund. Das hat nämlich schon am frühen Morgen so einige Nachteile. Sie werden feststellen, dass die Marmelade und das Toastbrot alle sind und deshalb schnell zum Bäcker auf die andere Straßenseite laufen, um wenigstens ordentlich frühstücken zu können. Und wenn Sie am Nachmittag von der Arbeit nach Hause kommen, werden Sie diejenige sein, die das Frühstückschaos beseitigen muss. Nach dem Frühstück machen Sie sich auf den Weg zur Arbeit. Wenigstens dort läuft alles ganz gut und in geregelten Bahnen. Dort ist noch alles beim Alten und Sie müssen sich nur um Ihre Sachen kümmern. Nach der Arbeit gehen Sie noch beim Supermarkt an der Ecke vorbei und versuchen an alles zu denken, was natürlich wie immer nicht klappt. Aber wenigstens gehen SIE einkaufen! Als Sie zur Wohnungstür hereinkommen und sich auf ein bisschen Ruhe und Zeit für sich freuen, dröhnt Ihnen schon ein „Tooooor“ entgegen und Sie begreifen sofort, dass Ihr Mitbewohner mal wieder früher Feierabend gemacht hat oder von zu Hause gearbeitet hat. Als Sie ihn begrüßen wollen, befindet er sich in einer völlig anderen Dimension, einige nennen es auch Fußball, und ist für Sie nicht zu erreichen. Vor ihm steht eine Pizza. Sie hätten sich zwar schon etwas Besseres zum Abendessen gewünscht, aber nun gut, besser als gar nichts. Auf der Suche nach der Pizza, die er für Sie erhitzt hat, wird Ihnen irgendwann klar, dass Sie sie nicht finden werden, denn die liegt noch eingepackt im Gefrierschrank. Als Sie daraufhin ins Badezimmer gehen und sehen, dass der Klodeckel hochgeklappt ist und Urinrückstände auf dem Toilettenrand sind, können Sie sich nicht mehr beherrschen. Sie gehen ins Wohnzimmer und ziehen das Kabel vom Fernseher direkt in dem Moment, als sich seine Mannschaft im Angriff befindet …
Gesundes Mittelmaß
Diese zwei Alternativen des Zusammenlebens gibt es tatsächlich, aber nur sehr, sehr selten. In den meisten Fällen müssen sich beide Partner erst an die kleinen Fehler und Macken des Anderen gewöhnen. Dies braucht einige Zeit, aber mit ein bisschen Verständnis, Geduld und Liebe kann man einen gemeinsamen Nenner finden. Dass die dreckigen Socken manchmal neben dem Wäschesack und nicht darin liegen, kann schon mal vorkommen. Und auch der Ordnungsfimmel der Damen ebbt wahrscheinlich nach einer Weile auf ein erträgliches Maß ab. Irgendwo in der Mitte der beiden extremen Beispiele findet sich die Realität wieder. Und wenn Sie für eine klare Aufgabenverteilung sorgen, ersparen Sie sich und Ihrem Partner viel Stress und Ärger, denn keiner von Ihnen wird von heute auf morgen schlagartig seine Lebensgewohnheiten ändern. Aber auch ein absolutes Fixieren auf den Partner und seine Bedürfnisse kann den Anfang vom Ende bedeuten. Im Idealfall hat jeder eine Rückzugsmöglichkeit, sodass man auch mal abschalten und für sich sein kann. Und wenn es Ihnen auch in der ersten Zeit nicht leichtfallen wird: Akzeptieren Sie die Macken Ihres Partners, denn er versucht sich auch an Ihre Macken zu gewöhnen und gibt sich wahrscheinlich genauso viel Mühe wie Sie.
Wenn Sie diese Tipps beachten und als Team gut funktionieren, brauchen Sie keine Angst zu haben, dass Ihr Freund bald zum Mitbewohner und Feind in Ihrem Bett mutiert.




