Die Natur als Amor

Seit Menschengedenken setzen wir uns mit der Liebe auseinander. Schon in der Steinzeit formten die Menschen Venusfiguren mit üppigen Geschlechtsmerkmalen, aus der Antike kennen wir Lampen mit erotischen Motiven und aus dem Mittelalter den Keuschheitsgürtel und den Minnegesang. Vor allem in der Poesie begegnen uns immer wieder Liebesgeschichten. Eines der schönsten Liebesgedichte stammt aus der Feder von Heinrich Heine:
Dass du mich liebst ...
Dass du mich liebst, das wusst ich,
Ich hatt es längst entdeckt;
Doch als du mir's gestanden,
Hat es mich tief erschreckt.
Ich stieg wohl auf die Berge
Und jubelte und sang;
Ich ging ans Meer und weinte
Beim Sonnenuntergang.
Mein Herz ist wie die Sonne
So flammend anzusehn,
Und in ein Meer von Liebe
Versinkt es groß und schön.
Im 19. Jahrhundert wurden die Damen von den Herren mit schönen Worten umgarnt. Aber können solch flammende Worte in unserer Zeit noch glaubwürdig für die große Liebe stehen?
Wahl des Traumpartners
Frauen haben gleichermaßen wie Männer ein gewisses Schönheitsideal, quasi ein Bild ihres Traumpartners. Der zukünftige Partner sollte dieser Vorstellung im Idealfall sehr nahe kommen. Die Realität sieht oft anders aus. Aber warum weichen wir oft von unseren bewussten Idealvorstellungen ab?
Die Antwort darauf ist in unseren Genen zu suchen. Ganz nach dem Motto von „Caveman“ – Ich jagen, du sammeln – suchen wir unseren Partner aus. Die Paradigmen der Steinzeit gelten also auch heute noch. An bestimmten Gesichtszügen eines Mannes kann die Frau unbewusst erkennen, ob er ein gutes und intaktes Immunsystem aufweist. Ein groß gewachsener Mann, der Kraft und Gesundheit ausstrahlt, signalisiert den Frauen, dass er gute Gene in sich trägt, um dem Kind die möglichst Besten mitzugeben. In der heutigen Zeit spielt für die Frau unbewusst natürlich auch noch das Geld eine wichtige Rolle. Frauen müssen sich sicher sein können, dass der potenzielle Vater die Familie auch ernähren kann. Diese Faktoren können von den Männern leider nicht direkt beeinflusst werden. Aber natürlich zählen auch das Auftreten und der Charakter: Aufgeschlossenheit, Zielstrebigkeit, Selbstbewusstsein, Freundlichkeit. All das sind Eigenschaften, die auf Frauen sympathisch wirken. Mit diesen Feststellungen kann man nicht die berühmte Frage klären, ob Frauen auf Machos oder Softies stehen. Beide können schließlich besagte Eigenschaften besitzen.
Diese unbewussten Faktoren der Partnerwahl laufen in ähnlicher Weise natürlich auch beim Mann ab. Die Figur der Frau spielt dabei eine große Rolle. In kürzester Zeit analysiert der Mann die weibliche Figur. Fettdepots an den richtigen Stellen zeigen ihm, ob die Frau über genügend Energie verfügt, um ein Kind zu versorgen. Aktuelle Forschungen ergaben allerdings, dass heutzutage vor allem ein gemäßigtes Verhältnis zwischen Taille und Hüfte für die Attraktivität ausschlaggebend ist. Extreme Formen werden damals wie heute abgelehnt, da dies ein Indiz für schlechte Gene sein kann. Der Erfolg beim anderen Geschlecht hängt bei Frauen auch vom Gesicht ab. Eine amerikanische Untersuchung hat bewiesen, dass weiße Zähne, glänzende Augen und glatte, seidige Haut Anzeichen für eine gute Gesundheit sind.
Frauen sind wählerischer als Männer
Frauen sind seit jeher wählerischer in der Wahl ihres Partners. Schließlich sind sie es, die mit einer Schwangerschaft ein gewisses biologisches Risiko eingehen und mehr Energie mit der Erziehung der Kinder aufwenden müssen. Für sie muss der Partner die perfekte Wahl sein. Männer wollen ihre Gene hingegen nur verteilen. Dafür wenden sie weit weniger Energie auf.
Gerade wenn es um die männlichen Ideale einer Partnerin geht, fällt auf, dass während früherer Jahrhunderte der weibliche Busen eher jugendlich-mädchenhaft sein sollte, der Po und die Oberschenkeln dagegen üppig weiblich sein sollten. Heute hingegen hat sich das Ideal genau umgekehrt: Nun ist ein großer Busen bei gleichzeitig schmaler, eher etwas androgyner Hüfte begehrt. Die Ironie dabei ist die Unerreichbarkeit dieser Schönheitsideale, da sie extrem unrealistisch sind: Entweder hat eine Frauenfigur viel Fett, dann ist sie sowohl an den Hüften als auch am Busen üppig. Oder sie ist schlank, dann hat sie eine schmale Hüfte und schlanke Oberschenkel, aber auch einen kleinen Busen. Nur wenige Frauen sind also von Natur aus ideal ausgestattet.
Der Körperduft als Aphrodisiakum
Aber nicht nur die Gene, das Gesicht und die Figur spielen bei der Partnerwahl eine wichtige Rolle. Wir müssen auch „einen guten Riecher“ beweisen. Denn der Duft zweier Menschen ist ebenso ausschlaggebend. Genauer gesagt sind es Pheromone, die uns beeinflussen. Das sind Botenstoffe, die der Kommunikation zweier Lebewesen einer Spezies dienen. Diese Geruchsbotschaften senden wir an unsere Umwelt aus und ziehen das andere Geschlecht magisch an – oder auch nicht, je nach Kompatibilität. Da Pheromone geruchsneutral sind, können wir sie nicht bewusst wahrnehmen. Unsere Nasenschleimhaut fängt die Pheromone jedoch auf und leitet die wichtigen Informationen an das Gehirn weiter, um sie dort zu verarbeiten. Auf diese unterbewusste Wahrnehmung reagieren wir mit Sympathie oder Antipathie.
Das, was in den schlaflosen Nächten in unseren Köpfen als Traumpartner herumgeistert, ist eben häufig nur eine Vorgabe, die wir durch unsere Umwelt oder die Medien übernommen haben. Männer träumen häufig von einer großen, schlanken, blonden Frau mit blauen Augen. Die Frau an ihrer Seite entspricht aber oft nicht diesem Ideal, Dafür hat sie aber unterbewusst überzeugt. Das gleiche Phänomen kann man bei Frauen beobachten.
Die Entscheidung für oder wider einen potentiellen Partner ist somit schon gefallen, bevor das erste Wort miteinander gewechselt wird. Auch Heinrich Heine beschreibt in seinem Gedicht dieses Phänomen. Das lyrische Ich seines Gedichts ist sich der Anziehungskraft zwischen ihnen bewusst, noch bevor einer der beiden seine Gefühle formulierte. Aber selbst die Raffinessen der Natur sind nicht so perfekt, dass sie in jedem Fall eine lebenslange, glückliche Partnerschaft garantieren können. Zu einer funktionierenden Beziehung gehört nicht nur der unterbewusste Teil, den unser Gehirn für uns erledigt, sondern vor allem viel Arbeit, Respekt, Verständnis, Anerkennung und Liebe. Denn ein Mensch kann noch so gut riechen oder die perfekte Figur besitzen – wenn wir nicht mit ihm auf einer Wellenlänge sind, hat der ganze Einfallsreichtum der Natur nichts genutzt.




