Speed Hating – schimpfen, meckern und streiten für die Liebe
Speed-Dating ist schon seit ein paar Jahren als "Wie-lerne-ich-so-schnell-wie-möglich-einen-Partner-kennen"-Aktion in aller Munde. Wenn man selbst noch nie dabei war, kennt man oft einen Bekannten, der das Speed-Dating schon ausprobiert hat, oder hat schon Berichte darüber in Film und Fernsehen gesehen.
Anna das Versuchskaninchen
Ein ganz neuer Trend, der wohl bald aus London zu uns nach Deutschland schwappt, funktioniert ganz ähnlich und ist doch ganz anders: das sogenannte Speed-Hating. Da die eDarling-Redaktion selbst noch keine Erfahrung mit dem Speed-Hating hat, haben wir Anna, eine ehemalige Redakteurin von uns, die seit kurzem in London lebt, einmal für Sie ins Rennen geschickt, um mal zu schauen, was an dem Hype um das Speed-Hating dran ist. Vielleicht wird Sie dieser Erfahrungsbericht zu ganz neuen Wegen in der Partnersuche inspirieren.
An dieser Stelle möchten wir Anna noch einmal für ihren selbstlosen Einsatz danken: Danke, Anna!
Die Formalitäten
In London hat irgendwie jeder schon mal was vom Speed-Hating gehört, aber wie das nun wirklich abläuft, konnte mir niemand sagen. Also kam ich nicht umhin, diese neue Form des Datings selbst einmal auszuprobieren.
Nach einer kurzen Recherche fand ich eine Veranstaltung vom Erfinder des Speed-Hatings, Carl Hill.
In seinem Londoner Club "The Albion" veranstaltet er regelmäßig Dates dieser Art. Ich meldete mich für einen Abend an und versuchte mit so wenigen Vorurteilen wie möglich dort aufzutauchen.
Als ich dort ankam, traf ich 19 weitere Singles. Insgesamt waren wir also zehn Frauen und zehn Männer. Rein formell funktioniert alles wie beim Speed-Dating. Man unterhält sich vier Minuten mit einem Date und wechselt dann den Gesprächspartner. Im Anschluss an das Gespräch kann man dann seine Telefonnummern austauschen, vorausgesetzt, man ist sich sympathisch. Soviel zu den Formalitäten.
Bevor es richtig los ging, wurde uns noch einmal alles ganz genau erklärt und wir konnten uns zwischen zwei Varianten entscheiden: Wir schimpfen und meckern über ein Thema unserer Wahl oder wir können uns über vorgegebene Themen auslassen. Über die Themenvorschläge war ich anfangs ganz dankbar, denn ich hatte wirklich keine Ahnung, worüber ich mich mit wildfremden Menschen streiten sollte! Aber währende der zehn Gespräche, die ich führte, stellte sich heraus, dass meine Angst total unbegründet war. Die anderen Teilnehmer waren wirklich enorm kreativ, was ihre Themenvorschläge anging, und am Ende habe ich mit niemandem über eines der vorgegebenen Themen gestritten.
Mein erstes Speed-Hating
Mein erstes Gespräch hatte ich mit Samuel. Wir hatten überhaupt keine Probleme ins Gespräch zu kommen. Er fragte mich, ob ich ein Thema vorschlagen möchte, sonst hätte er eines, worüber er sich gerade heute enorm aufgeregt hätte. Ich überließ ihm den ersten Schritt. Sein Thema war: Warum sind kleine Elektrogeräte immer so verpackt, dass man sie niemals sofort nach dem Kauf aufkriegt, sondern erst immer warten muss, bis man zu Hause ist und eine Schere zur Hand hat? Nachdem Samuel sein Thema vorgeschlagen hatte, war er mir schon sofort sympathisch. Denn wer kennt diese nervigen Verpackungen nicht? Ich kenne solch eine Situation. Wenn man den neuen MP3-Player am liebsten sofort auspacken möchte, aber wegen der Verpackung noch warten muss, nervt das schon! Das Gespräch entwickelte sich auf jeden Fall prima. Wir konnten uns beide so richtig über dieses Problemchen auslassen. Über unsere Hobbys oder unser Lieblingsessen fragten wir uns nicht aus. Und gerade das ist das Angenehme beim Speed-Hating: Es kommt nicht zu einem Standard-Kennenlern-Gespräch. Stattdessen kann man sich, ganz nach dem Motto „Zeig mir, wie du streitest und wir sehen, ob wir uns sympathisch sind“, ganz ungezwungen kennenlernen. Der größte Vorteil, den ich dabei sehe ist, dass sich niemand verstellen muss. Man muss sich nicht überdurchschnittlich gut benehmen und versuchen sein Gegenüber komplett von sich zu beeindrucken. Das ganze Gegenteil ist der Fall: Man soll einfach so sein, wie man ist. Man kann (oder soll) sich auch mal von seiner cholerischen Seite zeigen und so richtig Dampf ablassen. Auf diese Weise bekommt man ein viel besseres Bild von seinem Gesprächspartner und kann ihn auch besser einschätzen. Bei Samuel und mir hat es zumindest sofort geklappt. Die vier Minuten waren so schnell vorbei, dabei hätten wir uns über dieses Thema noch stundenlang aufregen können. Ich war schon fast traurig, dass die Zeit schon abgelaufen war.
Aber Samuel war ja nur der Anfang. Als nächstes sollte ich gemeinsam mit Jack meckern. Auch er schlug mir ein Thema vor, über das ich mich ziemlich gut aufregen konnte: die schlimmsten Ex-Mitbewohner aller Zeiten. Jack und ich wetteiferten nur so um diesen Titel. Nicht, dass wir uns selbst als schlechten Mitbewohner bezeichnet hätten. Nein! Das Gegenteil war der Fall: Wir hassten beide unsere Ex-Mitbewohner und wussten nicht, womit wir diese unnötige Erfahrung verdient hatten! Jack hat wirklich ziemlich gruselige Geschichten erzählt, aber als ich dann auspackte, musste er zugeben, dass mein ehemaliger Mitbewohner alles übertraf.
So oder so ähnlich stritt ich mich noch mit acht weiteren Männern über die englische Nationalmannschaft (wobei ich bei diesem Thema nicht die gleiche Meinung wie mein Gesprächspartner hatte), über den irischen Dialekt, über Menschen, die ständig zu spät kommen (das Thema hatte ich mir sogar ausgedacht), über Computer, die immer abstürzen kurz bevor man speichern wollte, über nervige Arbeitskollegen und so weiter …
Irgendwann bemerkte ich, dass man über fast alles meckern kann. Es macht auch Spaß, wenn man mal nicht einer Meinung ist. Dann kommt manchmal wirklich ein Streitgespräch zustande und man kann versuchen, sein Gegenüber von den eigenen Argumenten zu überzeugen.
Speed-Hating? Genau mein Ding!
Am Ende des Abends hatte ich zehn ganz unterschiedliche Männer kennengelernt und mich prächtig amüsiert. Keines der Gespräche wurde beleidigend, was ich im Vorfeld ein bisschen befürchtet hatte. Und irgendwie fühlte ich mich entspannter als ich das "Albion" verließ. Mein Traumprinz hatte sich an diesem Abend nicht unter die Gesprächspartner gemischt, aber ich habe mich direkt nach der Veranstaltung für einen weiteren Termin angemeldet, einfach nur zum Spaß.
Wenn Sie Lust haben ganz unverbindlich neue Menschen kennenzulernen, die keine Lust haben sich zu verstellen und Ihnen das Blaue vom Himmel zu lügen, und wenn Sie außerdem noch eine leicht cholerische Ader haben, sind Sie beim Speed-Hating genau richtig. Sie werden es lieben!





